Oktoberrevolution: Aufstand gegen den Krieg

Filmstill - Wladimir Majakowski / Vladimir Mayakovsky in St. Petersburg, Russia (© Katrin Rothe Filmproduktion)

Welches Gewicht historischen Ereignissen in der Geschichte beigemessen wird, entscheiden diejenigen, die sich daran erinnern, genauer: erinnern wollen. In diesem Jahr jährt sich ein Ereignis zum 100. Mal, das als Große Sozialistische Oktoberrevolution in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Heute wird es zwar nicht mehr so bezeichnet, die Erinnerung daran wird aber noch gepflegt. Die einen sehen darin den großen Versuch, eine menschlichere Gesellschaft zu errichten, für die anderen ist es der Beginn einer Diktatur. Einig sind sich alle: Die Oktoberrevolution hat das letzte Jahrhundert maßgeblich geprägt. Deshalb wird ihr zum 100. Jubiläum mit Filmen, Vorträgen und Büchern gedacht.

Im Rahmen des 27. Cottbuser Filmfestivals wird die Filmreihe „Bruderkuss – Vision und Alltag im Sozialismus“ präsentiert. In dieser Reihe sollen sozialistische Realitäten im osteuropäischen Kino betrachtet werden. Im Rahmen des Festivals (7. – 12. November) wird es ein Special dazu geben und Teile der Filmreihe werden bundesweit in ausgewählten Kinos gezeigt. Gestartet wurde „Bruderkuss“ schon am 13. September im Obenkino mit dem Film „1917 – Der wahre Oktober“.

Wie russische Künstler auf die Oktoberrevolution blickten

Von der Lektüre zahlreicher wissenschaftlicher Bücher unbefriedigt, sucht und findet Regisseurin und zweifache Grimme-Preisträgerin Katrin Rothe in künstlerischen Zeitzeugnissen lebendigere Gedanken, Beobachtungen, „Wahrheiten“. Zugleich wächst unter ihren Händen nach und nach ein chronologischer Zeitstrahl der geschichtlichen Fakten heran.

St. Petersburg 1917, damals hieß die Stadt noch Petrograd. Die Weltkriegsfront rückt täglich näher, man hungert, bangt, wütet. Im Februar wird der Zar gestürzt. Die Massen und viele Künstler sind euphorisch: Revolution! Freiheit! Endlich Frieden? Im Oktober wird die Provisorische Regierung unter Führung der Bolschewiki gestürzt. Was taten Dichter, Denker, Avantgardisten wie Maxim Gorki und Kasimir Malewitsch in diesen Monaten? Im Film entsteigen fünf von ihnen als animierte Legetrickfiguren den Bücherstapeln.

1917 ist die Künstlerwelt in Petrograd recht übersichtlich, könnte man meinen: Die fünf Protagonisten sind alle miteinander bekannt, verkehren miteinander und haben Kontakte in verschiedene Milieus. Die Lyrikerin Sinaida Hippius, damals 47, wohnt gegenüber dem Taurischen Palais, in dem die Provisorische Regierung konferiert. Der Maler und Kunstkritiker Alexander Benois sowie der international anerkannte Schriftsteller Maxim Gorki sind bereits fest etablierte Größen im russischen Kulturleben. Der umtriebige Avantgardist und Soldat Kasimir Malewitsch erweist sich als tatkräftiger Organisator. Und Wladimir Majakowski, der damals 25-jährige exzentrische Dichter, rast unermüdlich durch die Stadt, ist überall da, wo es gefährlich ist und legt sich mit älteren Künstlern an.

Porträt der Künstler jener Zeit

Herausgekommen ist ein interessanter Film, der seinem eigenen Anspruch nicht gerecht wird, nicht gerecht werden kann: Die „wahre Geschichte“ eines komplizierten, sich über Monate erstreckenden Ereignisses in 90 Minuten zu packen, ist schon aus Zeitgründen unmöglich. Der Film kann lediglich einen Überblick über wichtige Ereignisse in Petrograd geben. Bei der Fülle an Literatur, die in den letzten 100 Jahren zur Oktoberrevolution und über handelnde Persönlichkeiten verfasst wurde, gelang es Rothe auch nicht, etwas Neues zu schildern. Als relativ neutral gehaltener Versuch, sich den Ereignissen zu nähern, sticht der Film aber allemal aus der großen Zahl deutscher Dokumentationsfilme heraus.

Interessant ist der Film deshalb, weil er ein Porträt der Künstler jener Zeit ist. Bei einer Bevölkerung, die zu 70 bis 80 Prozent aus Analphabeten bestand, gehörten sie zu einer privilegierten Schicht, deren Lebenswelt oft eine ganz andere war als die des einfachen Volkes. Alexander Benois, der sich darüber beklagte, dass seine Hausangestellte nicht mehr am Sonntag arbeiten wolle und die überhaupt geregelte Arbeitszeiten einforderte. Sinaida Hippius, die offenbar nichts von den Leiden des Krieges mitbekam und für die unvorstellbar war, dass die Masse des Volkes einfach nur Brot und Frieden wollte. Die traurigste Gestalt war aber Maxim Gorki, der der revolutionären Bewegung selbst viele Jahre nahestand und nun im Angesicht der Revolution gar nichts mehr verstand. Malewitsch und Majakowski sind Soldaten, und mit ihrer Kunst unterstützen sie die Revolution. Ein beliebter Reim Majakowskis: „Friss Ananas, Bürger, und Haselhuhn, musst bald deinen letzten Seufzer tun“.

Volksmassen als Träger der Revolution

Deutlich wird: Es sind nicht die Künstler, die eine Revolution entscheidend vorantreiben oder durchführen. Das machen die Volksmassen, Künstler begleiten den Prozess höchstens. In der an die Filmpremiere anschließenden Diskussion sagte Katrin Rothe, dass sie ebendies auch in ihrem Film deutlich machen wollte. Dabei zog sie Parallelen zu den Ereignissen von 1989/90. Zu der Zeit ergingen sich viele Künstler in der DDR in endlose Debatten u.a. über einen reformierten Sozialismus. Am Ende wurden sie von den Ereignissen überrollt. Geschichte schreiben letztendlich die, die im richtigen Moment zupacken und dem Lauf der Dinge mit festem Willen ihren Stempel aufdrücken wollen. Wer zögert und zaudert und endlos lamentiert, bleibt unweigerlich zurück.

Einen tieferen Blick auf die Ursachen und Folgen der Oktoberrevolution wirft der Historiker und Politologe Stefan Bollinger, in seinem kürzlich neu im Verlag Edition Ost erschienenen Buch „Oktoberrevolution. Aufstand gegen den Krieg 1917 – 1922“.

Oktoberrevolution als großes Ereignis der Weltgeschicht

Die Oktoberrevolution hat schon Zeitgenossen beeindruckt. Der damalige britische Kriegsminister Lloyd Georges hielt sie für „ein so gewaltiges Faktum der Weltgeschichte, dass eine genauere Kenntnis ihrer Ursprünge für jeden Beobachter großer Menschheitsbewegungen von Interesse sein muss“. (S. 14) Auch der britische Historiker Eric Hobsbawn betonte ihre Bedeutung: „Die russische oder genauer: die bolschewistische Revolution von 1917 war bereit, der Welt dieses Signal [zur Ablösung des Kapitalismus] zu geben. Deshalb war sie für dieses Jahrhundert [das 20. Jahrhundert] ein ebenso zentrales Ereignis wie die Französische Revolution von 1789 für das 19. Jahrhundert gewesen war“. (S. 16) Sie hat die Entwicklung der Welt in der Tat entscheidend geprägt: Indem sie beispielsweise die Gleichberechtigung der Nationen zum völkerrechtlichen Prinzip erhob, unterstützte sie den anti-kolonialen Kampf der Völker. Indem sie soziale Menschenrechte etablierte, trotzte sie der kapitalistischen Welt das „sozialdemokratische Jahrhundert“ (Ralf Dahrendorf) ab. Nach dem Ende der Systemkonkurrenz wurden diese Errungenschaften zum großen Teil wieder rückgängig gemacht.

Das Vielvölkerreich Russland lag 1917 am Boden, das Volk litt Hunger, zahlreiche Nationen verlangten ihre Unabhängigkeit und griffen zu den Waffen gegen die Regierung in Petrograd, die Bauern hatten immer noch das halbfeudale Joch zu tragen, der zaristische Staatsapparat war zerrüttet und die Soldaten wollten sich nicht länger in aussichtslosen Feldzügen dahinschlachten lassen. Als es Anfang 1917 zu ersten Hungerdemonstrationen kam, wollte der Zar sie noch im Blut ertränken. Als die Soldaten den Schießbefehl verweigerten, war das Ende des Zaren besiegelt. Er musste zurücktreten.

Revolution für die Demokratie des Volkes

Was sich im Anschluss herausbildete, war eine Doppelherrschaft. Auf der einen Seite das Parlament, die Duma, die aufgrund des Drei-Klassen-Wahlrechts vor allem aus Adligen, Gutsbesitzern und Industriellen bestand. Sie stellten zunächst die Provisorische Regierung. Auf der anderen Seite entwickelten sich basisdemokratische Räte, die Sowjets der Arbeiter, Soldaten, Matrosen und Bauern. Rund 200.000 gewählte Vertreter arbeiteten zunächst in über 700, im Herbst 1.500 Räten. Dort berieten sie, fassten Beschlüsse und setzten diese als arbeitende Körperschaften auch um.

Doch: in einem Staat kann es nur ein Machtzentrum geben. Das wussten auch Russlands Westalliierte, Großbritannien und Frankreich. Diese drängten die Provisorische Regierung nicht nur dazu, die Sowjets zu entmachten, sondern auch den Krieg weiterzuführen. Als im Sommer die sogenannte Kerenski-Offensive mit über 400.000 Toten scheiterte, hatte die Provisorische Regierung jeglichen Kredit beim Volk verspielt. Die Entmachtung der Provisorischen Regierung durch die Sowjets wurde auf die Tagesordnung gesetzt und von den Bolschewiki fast ohne Blutvergießen umgesetzt.

In der deutschen Diskussion wird dieser Akt gern als Putsch verklärt. Aber was nach dem Aufstand kam, summierte sich zu einer Revolution: sofortiger Beginn von Friedensverhandlungen, Übergabe des Landes an die Bauern, Entmachtung der Adligen und Fabrikanten, der Kirche und der Geldelite, Bildungsinitiativen wurden auch in entlegenen Gegenden organisiert und vieles mehr.

Das Scheitern der Ideen der Oktoberrevolution nach rund 70 Jahren, hat für Bollinger auch seine Gründe, von denen man lernen kann, genauso wie von der Oktoberrevolution selbst.

Zuerst veröffentlicht in: Blicklicht, Ausgabe Oktober 2017

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