Wie die Deutschen zum Träumen gebracht wurden

Filme waren unter den Nationalsozialisten ein niederschwelliges Propagandainstrument. Wie die Produktion funktionierte, zeigt der Dokumentarfilm HITLERS Hollywood. Und er zeigt, dass das Nazi-Kino in der BRD fortexistierte.

Hitlers Hollywood Hitlers Hollywood: 2x Irene von Meyendorff dazwischen Paul Kemp und Oskar Sima (Foto: ©farbfilm verleih)

Als Regisseur und Filmkritiker Rüdiger Suchsland einem Freund von seinem neuen Projekt erzählte, bekam er zur Antwort: „Schon wieder ein Film über die Nazis? Das kennt man doch schon alles“. Angesichts der Fülle von Dokumentationen über die Jahre 1933 bis 1945 verwundert die Reaktion kaum.

Seit 1945 hat kein Film oder Fernsehen, weder in Deutschland noch international, die Geschichte des deutschen Kinos dieser Jahre erzählt. Es gibt einzelne, zum Teil sehr verdienstvolle Studien zu Einzelfällen, vor allem die beiden Dokumentationen über Veit Harlans „Jud Süß“ (von Felix von Moeller) und über Leni Riefenstahl (von Ray Müller). Aber kein Film hat bisher das NS-Kino in seiner Breite, in seinen Facetten und auch Brüchen und Widersprüchen dargestellt. Kein Dokumentarfilm hat sich der Frage gewidmet, was überhaupt Propaganda auf der Leinwand ist, und was nicht?

Film – das wichtigste Propagandainstrument

Der Film war für die Nazis das wichtigste Medium, um mit der Bevölkerung zu kommunizieren. Mehr als 1.000 Spielfilme wurden damals gedreht, und nur bei den wenigsten handelte es sich um offene Propaganda. Harmlos waren sie deshalb noch lange nicht. Propagandaminister Joseph Goebbels, der über die Filmproduktion eine strenge Zensur einführte, sagte einmal: „Jeder Film kann Propaganda sein. Unmerkbare und doch wirkungsvolle Propaganda“.

„Wie sollten, und wie können wir damit umgehen, dass es Kinofilme gibt, die moralisch-politisch abstoßend und unentschuldbar sind, deren künstlerischer Wert und technisches Können sich zugleich aber nicht von der Hand weisen lassen?“, fragte sich Regisseur und Filmkritiker Rüdiger Suchsland („Von Caligari Zu Hitler“). Sein Dokumentarfilm HITLERS HOLLYWOOD versucht darauf eine Antwort zu geben. Dieser erzählt erstmals von der dunkelsten und dramatischsten Periode deutscher Filmgeschichte, und erinnert zum hundertsten Geburtstag der Ufa an diese Filme und ihre Stars: Hans Albers, Heinz Rühmann, Zarah Leander, Ilse Werner, Marianne Hoppe, Gustaf Gründgens und viele mehr.

Hitlers Kino lebte in der BRD weiter

Suchsland begnügt sich aber nicht mit einer historischen Betrachtung. Er fragt weiter, wieviel vom NS-Kino im gegenwärtigen und überhaupt im deutschen Film nach 1945 weiterlebt.

Der größte Teil jeder Filme gilt immerhin als „unpolitisch“ und als „reine Unterhaltung“. Sie werden bis heute im Repertoirekino und vor allem im Fernsehen gezeigt, und sie prägen unsere Vorstellung von deutscher Kinogeschichte und deutscher Filmindustrie entscheidend mit.

Eine „Stunde Null“ hat es für den deutschen Film nicht gegeben. Fast bruchlos arbeiteten all jene aus der „zweiten Reihe“ nach 1945 weiter. Auch die allermeisten Regisseure und Drehbuchautoren konnte – zumindest in Westdeutschland – ihre Arbeit fortsetzen, nur wenige Prominente mussten sich überhaupt einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen – und wurden dann meist davon entlastet. Erst recht knüpften prominente Schauspieler nach 1945 an ihre Karrieren im nationalsozialistischen Staat an – nur wer sich politisch ungeschickt verhielt, dem drohten Restriktionen.

Der Film läuft seit 23. Februar in deutschen Kinos. Ab 08.09.2017 als Video on Demand und ab 22.09.2017 auf DVD erhältlich.

Zuerst veröffentlicht in: Blicklicht, Ausgabe September 2017

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