Mayer, Gramsci und die Diskussion in der DKP

 

Die DKP diskutiert über den neuesten Artikel von Leo Mayer. Aber keiner weiß so richtig, warum. Der Artikel wird überbewertet, denn er hat weder etwas Neues zu bieten noch ist er wissenschaftlich fundiert.
Auslöser ist ein Artikel von Leo Mayer, der im Theorieorgan der Irakischen Kommunistischen Partei erschien. In der Zwischenzeit wurde der Artikel gemeinsam mit einem von Hans Heinz Holz zu einer Broschüre verarbeitet. Die erste öffentliche Reaktion kam von Robert Steigerwald und er sieht in diesem Artikel eine Absage an das marxistisch-leninistische Parteikonzept.
Mayers Artikel ist kaum der Rede wert. Antonio Gramscis Werk zu würdigen und seine Bedeutung für die Zukunft herauszustellen, war die eigentliche Absicht. Und der Versuch ist fehlgeschlagen. Wer nur Zitate zusammenträgt und präsentiert, würdigt nicht. Mayers Artikel genügt nicht den Ansprüchen des wissenschaftlichen Arbeitens. Mayer hätte seine Positionen begründen müssen. Stattdessen zieht er Schlüsse, ohne das klar wird, wie er zu seinen Ergebnissen kommt.
Mayer schreibt, Lenins Konzept vom Hineintragen des Klassenbewusstseins in die Masse muss überwunden werden. Klassenbewusstsein kann nicht nur durch Agitation und Propaganda vermittelt werden, sondern ist ein geistiger Entwicklungsprozess der Individuen.
Die Fehler springen einem förmlich ins Gesicht. Lenin hat weder das Konzept vom Hineintragen entwickelt noch beschränkt er es auf Agitation und Propaganda. In seinem Werk „Was tun?“ zitiert er Kautsky, der das Konzept in einem Artikel der „Neuen Zeit“ erläutert hatte. Kautskys Argumentation leuchtet ein. Man braucht nur ein wenig Vorstellungsvermögen.
Wenn ein Arbeiter 8, 9 oder mehr Stunden am Tag schuftet und dann vielleicht noch Familie hat, wird er sicherlich kaum die Zeit oder Muße haben, am Abend allerhand Studien und wissenschaftliche Werke zu lesen und zu durchdenken. Das wäre aber z.B. für die wissenschaftliche Erkenntnis der Entwicklungsgesetze einer Gesellschaft nötig. Dasselbe gilt für alle Politikbereiche. Heute können selbst Wissenschaftler die Produktion von Texten in ihrem Fachbereich kaum überblicken und durcharbeiten. Wie sollte das der einfache Arbeiter können? Und wie lange hatte Marx am Kapital gearbeitet?
Die Arbeiterbewegung ist ihrem Wesen nach international. Die Erfahrungen aus einem Land sollten in anderen Ländern studiert und kritisch bewertet werden, denn nicht alles lässt sich einfach übertragen. Fremdsprachenkenntnisse sind für diese Aufgabe unbedingt erforderlich. Aber nur eine Minderheit spricht Fremdsprachen. Nach eigenen Angaben können nur 40% der Deutschen Englisch und meistens nur in der Qualität, dass sie sich als Touristen einigermaßen zurechtfinden. Andere Fremdsprachen werden noch weniger gesprochen und verstanden.
Intellektuelle sind für die Bewegung notwendig, um die theoretischen Einsichten zu liefern und die Erfahrungen aus anderen Ländern auszuwerten. Lenin und Kautsky sprechen von nichts anderem.
Es reicht aber nicht, Bücher und Artikel zu schreiben oder schöne Reden zu halten. Denken und Handeln werden nicht immer davon verändert. Es ist eine einfache Wahrheit, dass Lernprozesse zu organisieren sind. Es lassen sich überall Möglichkeiten dafür finden, bei politischen Veranstaltungen, in Vereinen oder persönlichen Gesprächen. Lenin hat nirgendwo geschrieben, dass Möglichkeiten nicht genutzt werden sollen. Aus Memoiren ist bekannt, dass jede Möglichkeit genutzt wurde.
Später sah die Praxis anders aus und das bietet genug Anlass zur Kritik. Viele Intellektuelle kritisierten das Erstarren des politischen Lebens und Denkens. Dass sich die Leute immer weniger mit der Partei der Arbeiterklasse verbunden fühlten, verwundert nicht. Aber die Kritik hat seine Grenze, denn das Konzept des Hereintragens ist nicht die Ursache für die Entfremdung von Volk und Partei.
Bei Mayer gibt es keine eindeutige Antwort auf die Frage, wer die Lernprozesse organisiert. Ganz offensichtlich ist es keine Organisation von Berufsrevolutionären. Dieses Konzept hatte Lenin in „Was tun?“ ausdrücklich auf das zaristische Russland beschränkt. Robert Steigerwald irrt deshalb in dem Punkt, dass Mayers Forderung eine Absage an den Parteiapparat bedeutet. Ansonsten bestünde ein Widerspruch. Irgendjemand muss die Arbeit machen und das möglichst professionell.
Das Netzwerk von Parteien und Organisationen ist keine neue Sache. Zu Lenins Lebzeiten gab es mehrere Parteien und Organisationen, die für die Arbeiterklasse eintreten wollten. Es gab nationale und internationale Vereinigungen. Und alle beachteten einander, diskutierten, stritten und arbeiteten auch teilweise miteinander.
Mayers Artikel kann man lesen, muss man aber nicht. Niemand verpasst etwas. Es sind keine Ideen enthalten, die der DKP helfen könnten. Es werden keine neuen Einsichten vermittelt. Die Partei hat Probleme, die schlüssige Konzepte erfordern. Als stellvertretender Parteivorsitzender sollte sich Mayer mehr mit ihnen beschäftigen.

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